Heulen oder nicht heulen?: „Eul doch!“ von Martin Baltscheit

Als die kleine Eulsuse auf die Welt kommt, merken ihre Eltern sofort: Irgendetwas stimmt doch mit ihr nicht! Sie will einfach nicht (h)eulen, dabei ist es doch für eine Eulsuse ganz normal, dass sie dies zu allen erdenklichen Anlässen tut. Aber egal ob vor Stolz oder Rührung, vor Wut oder Angst – der Eulsuse ist keine Träne zu entlocken. Die Familie entschließt sich daher dazu, die Eulsuse zu verstoßen. Als sich dann nicht nur sie einsam fühlt (und immer noch keine Träne verdrückt!), sondern auch die Familie sie wider Erwarten schmerzlich vermisst, vollzieht sich eine unerwartete Annäherung…

Titel und Cover des Bilderbuches lassen zunächst auf ein humorvolles Buch schließen, das neben dem Titel weitere sprachliche Lacher bereithalten könnte. Schnell merkt man jedoch, dass der Autor sich keinem direkt humorvollen Thema zuwendet.

Häufig werden Mensch und Tier konkrete Erwartungen entgegengebracht. Andere definieren also welche charakterlichen Eigenschaften als „normal“ gelten. Dabei wird leicht vergessen, dass jeder seine Ecken und Kanten und bisweilen eigentümliche Macken hat, die auf den ersten Blick nicht auszumachen sind. Entspricht man in unserer Gesellschaft äußerlich und innerlich nicht diesem scheinbar einzig „richtigen“ Schema, wird man ausgegrenzt oder behandelt als wäre man Luft. Auch in Baltscheits Bilderbuch wird von den anderen Eulsusen einfach so vorgegeben, dass eine Eulsuse eulen muss. Und warum? Wer gibt das vor? Die unreflektierte Antwort darauf: Es gehört sich eben so!

Beim Lesen und Vorlesen wird man immer unruhiger und möchte der Eulsuse am liebsten zurufen, dass sie doch bitte des lieben Friedens willen ein bisschen eult. Damit würde sich der Druck auf sie verringern, aber mit ihm natürlich auch ihre Standhaftigkeit. Diese bleibt allerdings bestehen wie man anhand der Illustrationen und der Seitengestaltung schnell erkennt: Die Eulsuse steht auf jeder rechten Buchseite allein mit vor Verzweiflung und Unverständnis weit aufgerissenen Augen. Ihre Familie und die Nachbarn sind hingegen als Gruppe auf der linken Seite versammelt. So wird der unüberbrückbare Graben zwischen allen visuell verstärkt und auch die gedeckten, ein wenig traurigen Farben verdichten diesen Eindruck. Erst als die Familie einen Schritt auf die Eulsuse zugeht, finden sich alle auf einer Seite wieder – und zwar auf der rechten!

Auch in der menschlichen Erziehung werden bestimmte Verhaltensweisen von uns erwartet: Heulen gilt bei uns wiederum als schwach. Tut man es dennoch, ist man eine (richtige) Heulsuse und um nicht unangenehm aufzufallen sollte man sich daher möglichst angepasst verhalten. Das wird aber unter Zwang niemals funktionieren und schon gar nicht wie im Fall der Eulsuse unter vorgehaltener Zwiebel!!! Geschickt, sehr einfühlsam und glücklicherweise ohne pädagogische Wertung führt Martin Baltscheit hier auch schon den Kleinsten vor Augen, wie wichtig es ist, Empathie zu üben und empathisch zu sein. Zu sich selbst zu stehen und dabei Andere offen anzunehmen kann nur durch liebevollen Zuspruch, Offenheit und allseitige Toleranz gelingen.

Martin Baltscheit Eul doch! Carlsen, 14,99€, ab 3 Jahren

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