Fantasie in schwarz-weiß: „Schnipselgestrüpp“

Bei Mutter, Vater und Sohn zu Hause passiert den ganzen Tag nicht viel. Die Eltern sitzen vor dem Fernseher und schenken ihrem Sohn weder Aufmerksamkeit noch kreative Impulse. Das Einzige, was der Sohn zur Verfügung hat, sind die Zeitungen, die seine Eltern ab und zu aus dem Hof holen – allerdings nur, weil ein Teppich für das Kinderzimmer teurer wäre. Für den Sohn reichen die Zeichnungen jedoch aus, um aus seiner tristen Umgebung ins Reich der Fantasie zu entfliehen. Er schneidet aus den Zeitungen Schnipsel aus, die er neu zusammensetzt. Aus ihnen bastelt er seine ganz eigene Welt. Doch dann wirft seine Mutter eines Tages sein ganzes Schnipselgestrüpp in den Müll…

In diesem Buch konnte ich auf den ersten Seiten die Langeweile und das Desinteresse der Eltern beinahe körperlich spüren. Sie wird nicht nur durch die leeren Gesichter der Eltern deutlich, sondern vor allem auch durch die visuelle Trennung zwischen Wohnzimmer (auf der rechten Seite) und Kinderzimmer (auf der linken). Der einzige Lichtblick der Geschichte scheint die Tatsache zu sein, dass der Junge so sehr in seiner Fantasiewelt aufgeht, dass er seine Umgebung gar nicht als so negativ wie der Leser wahrnimmt. Und das ist eine Kunst, wenn man daran denkt, dass er sich diese Parallelwelt mühsam aus Schnipseln zusammenkleben muss. 

Die Tatsache, dass der Vater sich gegen Ende ganz ganz zögerlich auf seinen Sohn zubewegt und die rechte Seite des Buches „verlässt“, ist nur ein kleiner Lichtblick, aber immerhin ein erster Anfang. Es scheint fast so, als würde der Vater durch den Sohn überhaupt erst erfahren, was Fantasie überhaupt ist. 

Für mich zeigt dieses Buch eindrucksvoll, dass es eigentlich nur kleinster Impulse bedarf, um die Fantasie eines Kindes zu wecken. Traurige Wahrheit ist aber doch, dass das für viele Eltern alles andere als selbstverständlich ist und die Geschichte in diesem Bilderbuch sich auch in der Realität ziemlich häufig abspielt.

Wie soll ein Kind fantasievoll werden, wenn es alles andere als fantasievoll aufwächst. Und wie soll ein Kind Einfühlungsvermögen lernen, wenn Eltern manchmal noch nicht einmal selbst Interesse am eigenen Kind zeigen? Wie soll ein Kind überhaupt die Welt kennenlernen, wenn es nie etwas außerhalb des Kinderzimmers erlebt? Man kann noch viele weitere Fragen dieser Art stellen und unter diesen Umständen ist das hier wohl eine „luxuriöse“ Frage: Wie soll ein Kind überhaupt Interesse an Büchern oder dem Lesen haben, wenn es nie von einem Vorleser in eine fantasievolle Bilderbuchwelt mitgenommen wird? 

Obwohl das Buch mich sehr melancholisch stimmt, ist es meiner Meinung nach ziemlich gut gemacht. Mit wenigen Elementen wird das Thema – so traurig es auch ist – auf den Punkt gebracht. 

Fazit: Für mich nur bedingt ein Tipp zum Vorlesen, aber ein eindrucksvoller Appell an alle Eltern.

(Werbung, unbeauftragt, Buch selbst gekauft)

Christian Duda und Julia Friese Schnipselgestrüpp ab 5 Jahren, Beltz & Gelberg, erschienen am 28. Januar 2013, 978-3407795380

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