Lesen als Lebenselixier: „Hör auf zu lesen!“

Das Verb „lesen“ duldet keinen Imperativ – so schreibt es Daniel Pennac in seinem Buch „Wie ein Roman“ , einer grandiosen Liebeserklärung an das Buch und das Lesen.

Jemandem zum Lesen zu animieren, der das nicht möchte und auch kein Interesse daran zeigt, ist nahezu unmöglich. Ein Leseanfänger muss das Lesen als etwas Interessantes empfinden, als etwas, das einem das Tor zur Welt und Parallelwelten eröffnet. Hat er Spaß daran gefunden, entspringt das Lesen in seiner nachfolgenden Lesekarriere dem Herzen und geschieht aus purer Freude. Man kann lesen, wenn man etwas lesen muss – aber ein wirkliches herzeinnehmendes und leidenschaftliches Verschlingen von Büchern wird man bei niemandem erzwingen können.

Aber was noch schwieriger ist als jemanden zum Lesespaß anzustiften, ist, eine wahre Leseratte vom Lesen abzuhalten. „Hör auf zu lesen!“ Wie kann man jemanden so traurig machen?

So passiert es im Buch Ratte Horatio, deren größte Leidenschaft das Lesen ist. Man könnte sogar so weit gehen, zu behaupten, dass es Horatios Lebensinhalt ist. Seine Eltern sehen das Lesen als Zeitverschwendung, verstehen nicht, was Horatio am lesen so gefällt und meinen, dass aus Horatio so ja nie etwas Richtiges werden können. Die kleine Ratte liest zu jeder Tages- und Nachtzeit und an jedem noch so abwegigen und unbequemen Ort liest er. Sogar während des Zähneputzens hat Horatio immer ein Buch griffbereit.

Horatios Eltern gefällt das gar nicht. „Leseratte“ zu werden (Horatios Berufswunsch!) ist für die Eltern alles andere als ein bodenständiger Beruf und so tun sie das Verhalten ihres Sohnes stetig ermahnend als „Phase“ ab. Das Maß ist bei seinem Vater allerdings voll, als Horatios Lehrerin den ihren Schüler liebevoll als Träumer bezeichnet.

Auf dieses Schulzeugnis folgt ein absolutes Buchverbot! Horatios Albtraum!

Zunächst niedergeschlagen und zu nichts mehr zu begeistern, ergibt sich für ihn aus diesem Verbot ganz unverhofft die größte Chance seines Lebens – ein Auftritt in einer Literatursendung. Und plötzlich merken auch seine Eltern: Auch „Leseratte“ ist ein ehrbarer Beruf! Vielleicht sollten sie dann vielleicht doch einmal einen klitzekleinen Blick in so ein Buch werfen, also, nur ganz ganz kurz natürlich…

Die Bilder sind sehr poetisch angehaucht. Auf so vielen Seiten gibt es tolle Bücherzeichnungen. Aber mein besonderes Highlight, das Horatios Bücherliebe auch nach außen trägt, sind die kleinen Buchstaben, die Horatio überall umgeben. Sie purzeln aus seinen Büchern, umgeben seinen Kopf und schaffen es sogar, auch andere Ratten zu beflügeln. Schöner hätten Claire Gratias und Sylvie Serprix den Text und die zauberhaften Illustrationen nicht verbinden können!

Ich konnte mich an den Bildern gar nicht sattsehen. Der sprudelnde Text ist voller Leben. Ratte Horatio hat mich – so unscheinbar und bescheiden er auch ist – direkt für sich eingenommen und an meine Kindheit erinnert. Nur eben mit dem Unterschied, dass meine ganze Familie lesebegeistert war und immer noch ist. Ich habe genau den Anstupser bekommen, den eine zukünftige Leseratte an eben braucht. Man kann nicht früh genug mit dem (Vor-)lesen anfangen.

Wenn man wissen möchte, wie es sich anfühlt, in Bücher zu „springen“, „einzutauchen“ oder in ihnen zu „versinken“, ist dieses Buch dazu perfekt! Und es wird deutlich: Lesen ist und macht lebendig, fantasievoll und vor allem glücklich… Euch auch?

Claire Gratias und Sylvie Serprix (Ill.) Hör auf zu lesen! Anaconda, ab 4 Jahren, erschienen am 24. August 2020, 978-3730609026

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